Kristine Bilkau: „Halbinsel“

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Annett, Ende vierzig, lebt seit Jahren in einem bescheidenen Häuschen auf einer Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer. Ihre einzige Tochter Linn ist für Studium und erste Berufserfahrungen nach Berlin gezogen. Annetts Mann Johan verstarb bereits, als Linn gerade einmal drei Jahre alt war. Das war für Annett ein existenzieller Schock, und das Trauma sitzt tief. Sie zog ihre Tochter alleine in sehr bescheidenen Verhältnissen groß, und immer wieder denkt sie in problematischen Situationen darüber nach, was wohl Johan dazu gesagt hätte.

Als die im Umweltschutz tätige Linn einen Vortrag hält, erleidet sie einen Kreislaufkollaps. Die sofort benachrichtigte Annett holt sie daraufhin zu sich nach Hause. Einerseits freut sie sich, ihre Tochter bei sich zu haben, andererseits ist sie über deren Gesundheitszustand beunruhigt und muss die schmerzliche Erfahrung machen, dass die inzwischen erwachsene Linn nicht mehr alles ihrer Mutter erzählt, sondern in ihrer eigenen Welt lebt.

Das Pendel aus Mutterinstinkt, lebenslangem Verantwortungsgefühl und tiefsten Ängsten schwingt zwischen Mutter und Tochter hin und her. Auch, wenn Annett sich sehr zurücknimmt, spürt Linn ganz genau, was die Mutter denkt und von ihr erwartet. So tasten beide einander vorsichtig ab, bis die Mutter die Spannung nicht mehr aushält und ihre Tochter mit den in ihr brodelnden Fragen konfrontiert. Auch hier spielt wieder der verstorbene Johan mit, und Annett überlegt immer wieder, was Johan jetzt wohl gesagt hätte.

Dieser Konflikt zwischen Mutter und Tochter ist das eigentliche Thema des Buches. Beide – sowohl Annett als auch Linn – müssen sich voneinander lösen und ihren eigenen Lebensweg finden. Annett ist mit Ende vierzig noch jung genug, um sich von Johan und ihren Erziehungszielen zu lösen und mutig durchzustarten.

Linn leidet unter der Ohnmacht der Umweltaktivisten, was vielleicht zu ihrem Kreislaufkollaps geführt hat. Auch sie sucht erst einmal ihr Heil als Bäckereiverkäuferin, was sie entspannend findet und ihr Fröhlichkeit verleiht. Als Linn zwei Jahre vor dem Abitur war, sagte ein Lehrer am Elternabend: „Vor allem eines möchte ich Ihnen mitgeben. Üben Sie keinen Druck aus; Ihre Kinder brauchen das nicht; sie finden sich, werden zu tollen Menschen und gehen ihren Weg“.

Ein kluger Satz des Lehrers, der den Eltern die Absolution erteilte, keinen Druck auf ihre Kinder und natürlich auch auf sich selbst ausüben zu müssen. Darum geht es in diesem Roman. Kristine Bilkau hat ein wertvolles Thema in Romanform verpackt und ermöglicht damit Eltern und ihren Kindern einen Befreiungsschlag.

Das Buch ist im Luchterhand-Verlag erschienen, umfasst 221 Seiten und kostet 24 Euro.

Barbara Raudszus

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