Bildungsreise nach Ha(ight A)shbury

                                                         
Januar 2010
Bericht über eine einwöchige Reise an die Quelle der amerikanischen Studentenproteste

 


















































































































































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Lang, lang ist's her, dass man von San Franciscos  Stadtteil Haight Ashbury nur von "Hashbury" sprach. Hier begannen die psydelische Epoche und die Proteste gegen den Vietnam-Krieg, hier nahm auch das "Outing" der Homosexuellen seinen Anfang. Angehörige der "68er-Generation" erinnern sich noch gut an eine Zeit, als Kalifornien und speziell San Francisco weit außerhalb des eigenen Erlebnis- und Reisehorizonts lagen. Man erhielt die Information über jene ferne Welt nur über Fernsehen und Zeitungen, und nur Wenige konnten es sich
angesichts der damaligen Flugpreise leisten, diese Orte und ihre Bewohner selbst in Augenschein zu nehmen.

Heute sieht alles ganz anders aus. Man kann bereits für rund 500 € nach San Francisco und zurück fliegen, und der heutige Dollarkurs macht den Aufenthalt dort auch nicht mehr zum Luxusurlaub. So kommt San Francisco schließlich auch als Ziel einer beruflich motivierten Bildungsreise in Frage. Ein staatlicher Arbeitgeber zahlt zwar leider nicht die Reisekosten, doch die professionelle Betreuung vor Ort erschließt ganz andere EInblicke in die Stadt als das Entdecken auf eigene Faust.

Blick aus dem Flugzeug auf Grönland
Blick aus dem Flugzeug auf Grönland


Mit United Airlines geht es eines - in Deutschland weniger schönen - Freitags ab Frankfurt "Nonstop" über den großen Teich. Die günstigen Flugpreise hinterlassen deutliche Spuren beim Service - vor allem in der Economy-Klasse -, so dass wir an dieser Stelle auf einen Link zur Fluggesellschaft verzichten. Doch dafür öffnet sich über Grönland die Wolkendecke und ermöglicht so den Blick über endlose Schnee- und Eisfelder, auf denen sich rosa die Nachmittagssonne spiegelt. Weiter geht es auf dem Großkreis über Kanada und die nordwestlichen US-Staaten, bis wir am späten Nachmittag in San Francisco eintreffen. Das Wetter begrüßt uns mit angenehmen 14 bis 15 Grad, was angesichts der winterlichen Temperaturen in Deutschland mehr als angenehm ist.

Unser Hotel - das "Holiday Inn" - liegt mitten in San Francisco an einer größeren Straßenkreuzung nahe der Market Street, was zwar kurze Wege aber auch lebhafte Nächte verspricht. Wer aus Deutschland einen ruhigen Nachtschlaf bei geöffnetem Fenster gewohnt ist, muss hier die nahezu ununterbrochen aufheulenden Polizeisirenen in seine Träume einbauen.

Das Frühstück im Hotel ist für viele Besucher nicht die erste Wahl, da die Kosten dafür nicht dem normalen Verzehr entsprechen. Zwar steht für einen Festbetrag eine reichhaltige Auswahl zur Verfügung, doch wer will all die kalorienreichen Speisen schon am frühen Morgen zu sich nehmen? So suchen wir uns am nächsten Morgen eines der vielen Frühstückslokale in der Umgebung, müssen aber auch dort auf Spiegeleier und Bratkartoffeln zurückgreifen. That's the american way of life resp. breakfast!

Aufgrund der Zeitverschiebung - immerhin neun Stunden - vergessen wir unseren deutschsprachigen Reiseführer im Lokal. Als wir den Verlust nach zehn Minuten entdecken, sofort umkehren und nachfragen, erhalten wir nur die lakonische Antwort "It's in the garbage"! Glücklicherweise entdecken wir ein Paar, dass ausgerechnet in unserem Reiseführer blättert, und erhalten diesen glücklicherweise mit freundlichem Lächeln zurück. Wir brauchen also nicht blind durch San Francisco zu laufen!

Die berühmte "Pier 39"
Die berühmte "Pier 39"

Als erstes geht es mit historischen Straßenbahnen - nicht dem "cable car"! - zu den berühmten Piers. Während der Fahrt kommen wir in Kontakt mit einem netten Herrn, der auf einem Boot lebt und uns den Fahrradverleih auf der "Pier 39" zeigt. Anschließend dürfen wir auch noch kurz auf seine Segelyacht, die ihm offensichtlich als feste Behausung dient. Wie Detectiv Rockford in einem Wohnwagen lebte, so hat sich dieser freundliche Herr auf einem Boot eingerichtet. Glücklicherweise gibt es hier keine richtig harten Winter mit Eis und Schnee!

Die "Pier 39" im Vergnügungsviertel "Fisherman's Wharf" im Norden der Stadt ist nach wie vor die Touristenattraktion San Franciscos. Sie hat diesen Ruf jedoch - leider - hauptsächlich wegen ihres Jahrmarktcharakters. Längst überdeckt eine triviale Kommerzialisierung die etwaige frühere Authentizität wie Zuckerwatte, die hier mehr als genug angeboten wird. Die kleinen Holzhütten links und rechts sehen zwar recht malerisch aus, sind aber alles andere als ursprünglich und beherbergen meist Souvernirläden - T-Shirts und Klimbim - oder Esslokale aller Schattierungen. Dennoch: bei schönem Wetter ist ein Spaziergang über die Pier immer eine Abwechslung, und man trifft hin und wieder auch originelle Kleinkünstler oder Musiker.

Karte von San Francisco mit Radweg (bitte zoomen)
Karte von San Francisco mit Radweg (bitte zoomen)


Fahrradfahren in Kalifornien ist auch erst seit wenigen Jahren "in". Noch vor zehn Jahren sah man nur vereinzelte Rennradler die Hügel um San Francisco herum rauf und runter radeln, und Freizeitradler erweckten Staunen, falls es sie überhaupt gab. Aber im Zuge der steigenden Benzinpreise und angesichts des dichten Verkehrs haben auch die US-Amerikaner die Vorteile dieses Beförderungsmittels erkannt. Es gibt sogar eine Fahrradroute entlang der Bay und über die "Golden Gate" nach Sausalito, die wir natürlich sofort austesten. Das Wetter scheint extra für uns bestellt worden zu sein, denn ein strahlend blauer Himmel und eine warme Sonne begleiten uns auf unserem Ausflug. Vor dem Überqueren der Brücke sollte man die "wave organs" nicht versäumen, die die kraftvolle Musik der Pazifikbrandung an den Felsen unterhalb der Brücke übertragen. Man muss nur sein Ohr an die Orgelpfeifen halten, um akustisch und fast schon körperlich die Wucht des meeres zu erfahren. Zur Einweihung dieser "Orgel" gibt es heute sogar Sekt und Austern frei!

Die "Golden Gate Bridge" von Norden aus gesehen
Die "Golden Gate Bridge" von Norden aus gesehen

Die Fahrt über die "Golden Gate" ist natürlich spektakulär und bietet mehr als ausreichend Fotomotive. Die 2,7 km lange Brücke galt ursprünglich wegen der Wassertiefe von 97 Metern als technisch nicht machbar und steht dennoch bereits an die achtzig Jahre. Sie hat sogar das Erdbeben von 1989 unbeschadet überstanden. Die Pylone heben sich 227, die Fahrbahn immer noch 67 Meter über das Meer, und die Stahlseile würden aneinandergelegt über vier Mal die Erde umspannen. Drüben angekommen, schaut man sich gerne die Holzhäuser des verträumten Ortes Sausalito an, und wer noch etwas mehr Zeit hat, kann bis zu den berühmten Hausbooten fahren, wo Aussteiger aller Altersgruppen und Gesellschaftskreise ein mehr oder minder luxuriöses "Zweitleben" führen.

Bevor wir mit der Fähre über die Bay" zurück nach San Francisco fahren, nutzen wir noch wie Hunderte anderer Touristen die Fotomotive von den diversen "Vista Points" oberhalb der "Golden Gate" mit Blick auf die Silhouette von San Francisco. Da heute kein Nebel die Brücke verhüllt, zeigt sie sich in ihrer ganzen alten Pracht. Die Fähre führt uns dann an der Zuchthausinsel Alcatraz mit ihren martialischen Gebäuden vorbei, die Sonne erst über und dann unter der "Golden Gate" im Rücken, bis zu den Seelöwen-Bänken am Ufer vor San Francisco.

Die "Muir Woods" mit den alten Redwood Trees
Die "Muir Woods" mit den alten Redwood Trees


Am Sonntag nehmen wir im Rahmen unserer Weiterbildung am Gottesdienst in einer presbyteranischen Kirche teil und lernen den Gemeinschaftssinn der Gemeinde und die Bedeutung dieses Rituals für den amerikanischen Alltag - sprich Sonntag - kennen. Nach den ersten Liedern wünscht man sich gegenseitig "peace and God bless you", Pfadfinder berichten von ihren Gefühlen während einer Bergtour, und die Predigerin schildert unter Tränen ihre Gottesbegegnung. Nach dem Gottesdienst geht es ins Napa Valley zu den Weinbauern. Der kalifornische Wein am frühen Nachmittag heizt uns mehr als erwartet ein und bringt uns in gehobene Stimmung, so dass wie die Busfahrt zu den nördlich gelegenen "Muir Woods" mit den uralten und riesengroßen Redwood Trees ausgelassen genießen. Hier können wir die ältesten und mächtigsten Bäume der Welt bewundern, die bis zu viertausend Jahre alt und bis zu hundert Meter hoch sind. Die typisch deutsche Art, den Wald entgegen den Ratschlägen der Ranger abseits der ausgetretenen Pfade zu erkunden, führt uns direkt in matschiges Gelände, das uns bis zu den Knöcheln einsinken lässt und die Schuhe ruiniert.

Eingang zur "University of Berkeley California"
Eingang zur "University of Berkeley California"

Am Montag besichtigen wir die berühmte "University of Berkeley", von der so manche technische und gesellschaftliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts ausgegangen ist und die zwanzig Nobelpreis-Träger hervorgebracht hat. Die Universität bietet mehr als 7.000 (siebentausend!) Kurse für mehr als 25.000 Studenten und Studentinnen. Gemäß "Ranking" ist Berkeley eine der größten intellektuellen Schmieden der Welt. Die Bibliothek galt im Jahr 2008 als beste Forschungsbibliothek in Nord-Amerika. In Berkeley werden dreiundsechzig Sprachen unterrichtet, z. B. auch Finnisch, Thailändisch, Katalanisch und sogar Wolof - eine afrikanische Sprache der Region Niger-Kongo. Auf dem Campus wachsen mehr als zweitausend Bäume, unter anderen hundertvierzig Jahre alte Redwood Trees. An den Olympischen Spielen in Peking nahmen vierzig Studierende und Ehemalige teil, von denen siebzehn Medaillen gewannen. Wir schlendern über den weitläufigen - und nach einer ausgiebigen Feier am Vorabend noch etwas derangierten - Campus und schnuppern beim Kaffee im "Musical Offering"  die Atmosphäre eines kultigen Ortes. Anschließend demonstriert uns die Feuerwehr in Emeryville ihre Fahrzeuge und Fähigkeiten, dann geht es noch kurz ein wenig zum "Shoppen" - das muss sein! - und schließlich zum Abendessen in Chinatown.

Soul-Sänger im "Biscuits and Blues"
Ein Weingut im Napa-Valley - fast toskanisch

Am Abend nehmen wir dann das Nachtprogramm von San Francisco unter die Lupe. Eine Bar in der Nähe der Market Street bietet Live-Musik von drei reiferen Herren, die ein wenig wie Waldorf und Staedler aus der "Muppet-Show" aussehen und die Beatles-Songs rauf und runter spielen. Nach entsprechender "Aufrüstung" mit Fernet Branca und Bier wagen wir uns auf die kleine Tanzfläche und mischen das Publikum auf, so dass nach kurzer Zeit die Tanzfläche voll ist. Auf der Rückfahrt mit der Tram steigt ein junger Mann mit einem Keyboard zu, den wir tatsächlich noch überreden können, Musik zu machen. Froh beschwingt zuckelt die Straßenbahn wie eine rollende Disco durch die Gegend; nur Tanzen kann man in der engen Bahn leider nicht.

Der Dienstag beginnt mit einem Bummel durch "Fisherman's Wharf" , wo man natürlich die "Clam Chowder" (Fischsuppe) und Austern essen muss, dann geht es per Bus zum "Golden Gate Park", wo wir uns das DeYoung-Museum mit seiner Sammlung amerikanischer Kunst ansehen. Sowohl der Park als auch das Museum sind immer einen Besuch wert, man sollte dafür jedoch ein wenig - besser mehr - Zeit mitbringen. Von dem Turm des Museums hat man überdies eine herrliche Aussicht auf ganz San Francisco. Der Tag endet mit einem Besuch des Musicals "The Wicked", das wir allerdings wegen fehlender Heizung nur im warmen Anorak genießen können. Da man in San Francisco keinen Winter kennt, sind auch Heizungen so gut wie unbekannt. Dafür kühlt die Klimaanlage noch die Restwärme aus dem Theater. Wenn es dann einmal etwas abkühlt, wird es gleich ungemütlich. Also reist man besser im Frühjahr hierher.

Ein Weingut im Napa-Valley - fast toskanisch
Soul-Sänger im "Biscuits and Blues"


Am Mittwoch steht ein Besuch des deutschen Konsulats in San Francisco auf dem Programm. Wir erfahren von dem jungen Mann, der für drei Jahre hierher versetzt wurde, dass der deutsche Staat in den Deutschunterricht an Sonntagsschulen investiert, dass die Zuschüsse jedoch - nicht zuletzt aufgrund der Krise - zurückgegangen sei, worunter die Verbreitung der deutschen Sprache leide. Abends ergattern wir tatsächlich noch Karten für einen Soul-Abend im Club "Biscuits and Blues", obwohl der Abend bereits "totally sold out" war. Als ausländische Besucher mit Multiplikatorwirkung kann man offensichtlich immer etwas bewirken. Die laute Musik verhindert jede Kommunikation in dem überfüllten Raum, aber die Soulmusik fährt in die Glieder und lockt zum ausgiebigen Tanzen. Die Band ist sogar für den "Soul Music Award 2010" vorgeschlagen.

Am Donnerstag heißt es schon früh gegen sieben Uhr aufbrechen. Wir besuchen eine High-School eine dreiviertel Stunde von San Francisco entfernt. Zweieinhalbtausend Schüler lernen hier auf einem weitläufigen Campus mit eigenem Schwimmbad, Baseball-Feldern, acht Tennisplätzen sowie einem Football-Feld mit Tribüne.

Turnhalle in der High School
Turnhalle in der High School


Wir beobachten eine Deutschstunde und schauen uns eine Architektur-Werkstatt an, in der Schüler am Computer Hausmodelle oder Roboter entwerfen, die dann von Laser-Automaten als physische Modelle hergestellt werden. Aufschlussreich war auch die Unterrichtseinheit "Rallye". Dazu versammelt sich ein Teil der Schulgemeinde in der Turnhalle und Schüler zeigen ein eigenes programm, in dem sie ihre sportlichen Fähigkeiten vorführen. Es gibt Reiterkämpfe auf Fahrrädern, bei denen man den gegner mit weichen Plastikstangen vom Rad schubsen muss. Die Cheerleader treten auf, und einige Jungen zeigen verschiedene Varianten, einen Basket-Ball in den Korb zu befördern. Die "Rallyes" finden vier Mal im Jahr statt und sind vor allem für lernschwache Schüler eine Gelegenheit, sich in einem Hobbybereich darzustellen. Das gehört in der Hiogh School zum pädagogischen Konzept. Ansonsten haben alle Schüler täglich Sportunterricht bis hin zum Leistungssport, und gute Sportler erhalten bis zu zehn Stunden Extratraining. Für das "Ranking" der Schulen ist der sportliche Erfolg ein wichtiger Faktor.

Am letzten Tag unseres Aufenthalts fahren wir mit einem Boot hinaus auf den Pazifik zum "Whale Watching". Schon vor dem Ablegen an der Pier 39 empfiehlt der Bootsführer seekrankheitsanfälligen Teilnehmern, lieber hierzubleiben. Originalton: "The sea is very rough outside the bay!". Doch dieses Erlebnis wollen wir uns nicht entgehen lassen, also horten wir prophylaktisch die berühmten Tüten und beißen die Zähne zusammen.

Fahrt mit dem "cable car" durch San Francisco"
Fahrt mit dem "cable car" durch San Francisco

Dann geht es bei grauem aber trockenem Wetter unter der "Golden Gate" hindurch hinaus aufs offene Meer. Nach zwei langen Stunden im pazifischen Seegang - schließlich rollen die Wellen aus Tausenden von Kilometern ungehindert heran - ruft uns der Bootsführer aufs Vorschiff und verspricht demjenigen, der als erster oder erste einen Wal entdeckt, ein T-Shirt. Irgendwann sieht eine Teilnehmerin unserer Gruppe die berühmte Fontäne sich aus dem Meer erheben und sichert sich damit das T-Shirt. Dann heben sich auch die grauen Rücken aus den Wellen und zum Schluss, unmittelbar vor dem Abtauchen, steigt die Schwanzflosse des Wals in die Luft. Das ganze geht leider jedes Mal so schnell, dass wir es nicht aufs Foto bannen können. Einige Zeit begleiten wir die kleine Walherde mit ihren Fontänen, Buckeln und Schwanzflossen, dann geht es wieder zurück auf den zweistündigen Wellenritt nach San Francisco. Doch die vierstündige, recht unruhige Bootsfahrt hat sich schließlich doch gelohnt, und so feiern wir den Abschluss dieses Abends mit einem "Seafood"-Dinner auf der Pier 39.

Damit neigt sich unsere Bildungsreise ihrem Ende entgegen. Am Samstag heißt es packen, noch ein paar Einkäufe tätigen, und dann geht es zum südlich von San Francisco gelegenen Flugplatz, um wieder ins winterliche Deutschland zurückzukehren.

Barbara Raudszus


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